Grundfrage, Determinismus, Willensfreiheit
A Die philosophische Grundfrage
Abstract:
| Die philosophische Grundfrage, |
Die Frage, warum etwas ist und nicht nichts, ist von Leibniz aufgeworfen worden. Es handelt sich um eine Scheinfrage. Denn diese Frage nach dem „Warum“ ist die Frage nach einem Grund für das Sein. Gründe sind aber bereits etwas Seiendes, also Gegenstand des Seins. Sie können daher logischerweise nicht für das Sein selbst ( = Alles ) gelten, ihm also gleichsam vorgelagert “sein“.
Es ist so, wie wenn man – davon ausgehend, dass alles auf der Erde sich in Beziehung zu einem Längen- und einem Breitengrad lokalisieren lässt – fragt, welchem Längen-und Breitengrad die Erde selbst zuzuordnen ist.Oder wenn man fragte, was nördlich des Nordpols oder südlich des Südpols ist.
So sinnlos die Fragen sind, was vor der Zeit war – denn ein Vorher setzt als zeitlicher Begriff die Zeit voraus, existiert also nur innerhalb der Zeit -, und, was außerhalb des Raumes ist – denn ein Außerhalb setzt als räumlicher Begriff den Raum voraus, existiert also nur innerhalb des Raumes – , so sinnlos sind auch die Fragen, warum es ein Sein gibt, und, warum es so ist, wie es ist – denn ein Grund setzt als Begriff für eine Beziehung und damit für etwas Seiendes das Sein voraus und kann daher nicht für das Sein selbst gelten, aber auch nicht für das Sosein des Seins, da er ja als Begriff des Soseins nur für einzelnes Seiendes, nicht für das Sosein insgesamt bestimmend sein kann.
Die philosophische Grundfrage,
warum überhaupt etwas ist und nicht nichts (Leibniz: „... so wird die erste Frage, die man mit Recht stellen darf, die sein: Warum es eher Etwas als Nichts gibt“ ), löst sich in der Haltlosigkeit ihrer anthropomorphen und daher naiven Prämissen auf.
Das gilt erst recht für die spezifische theologische Abwandlung der philosophischen Grundfrage, der
Frage der Theodizee
in der Variante,
warum Gott trotz seiner Allmacht das Sein geschaffen hat, obwohl dem Nichts wegen der Unvollkommenheit und Leidhaftigkeit (einschließlich des Bösen und Ungerechten) des Seins Vorzugscharakter zukomme ( und Gott in seiner Vollkommenheit es nicht nötig gehabt habe, erst etwas zu erschaffen, das noch dazu der Entwicklung bedarf ).
Die Untersuchung der Frageprämissen in abnehmender Abstraktion entzieht ihnen den Boden, wobei auch diese Untersuchung in letzter Abstraktion denknotwendig nicht ohne die Prämissen unserer Bewusstseinsinhalte und – strukturen auskommen kann und damit schon dieses Fehlen einer Metaebene – seinerseits wiederum ein Denkkonstrukt – alles Fragen als letztlich selbstbezüglich, nämlich unendlich regressiv oder zirkulär, in Frage stellt.
Hieraus ergibt sich schon der elementare Einwand gegen die Grundprämissen auch der philosophischen Grundfrage.
1) 1.Prämisse: Eine Frage stelle sich und könne beantwortet werden.
Fragen stellen sich lediglich in unserem Denken und erfahren nur innerhalb unseres Denkens Antworten,die letztlich wegen der Selbstbezüglichkeit des Denkens in der Wechselwirkung von Frage und Antwort in unendliche Regresse und Zirkelschlüsse münden ( Das zeigt sich an den klassischen logischen Paradoxien und den paradoxen Erkenntnissen der Quantenphysik).
Es stellt sich die Warum/Wozu-Frage – die Warum-Frage nach der Ursachenentwicklung in der Vergangenheit, die Wozu-Frage nach der Ursachenentwicklung in der Zukunft (Zweckrichtung) – aufgrund unseres kausalistisch-finalistischen Denkens ( innerhalb dessen wir sogar dem Zufall als Nicht-Ursache Determinierungsfunktion zusprechen, indem wir ihn in eine Wahrscheinlichkeit einbinden). Dieses ist in unserer Raum-Zeit-Vorstellung (mit ihren Unendlichkeitsparadoxien) befangen. Denn geschehen kann nur etwas in Raum und Zeit: sein nur im Raum, entstehen und sich entwickeln als Seiendes nur in der Zeit. Außerdem wird das kausalistisch-finalistische Denken von der Vorstellung eines in sich differenzierten (nicht holistischen) Seins eingeschlossen.Wir denken kontradiktorisch und reduktionistisch, das heißt in Gegensätzen (Ja-Nein; wahr-unwahr) und in der Unterscheidung von Ganzem und Teil, Einheit und Vielheit, erkennendem Subjekt und erkennbarem Objekt usw. trotz der verschwimmenden Grenzen (Zenons Teilbarkeitsparadoxien; Doppelspaltexperiment derQuantenphysik, Fernwirkung nach Quantenverschränkung; Chaosforschung und anderem).
Mit unseren Fragen werden Antworten erwartet und prädisponiert, die in die gleichen Bewusstseinsinhalte und -strukturen passen, aus denen sich die Fragenergeben haben.
Diese Selbstbezüglichkeit ist schon aus unserem Denken heraus mangels zur Verfügung stehender Metaebene unauflösbar. Kein System kann sich aus sich heraus verstehen (Gödelcher Satz).
Die philosophische Grundfrage müsste daher eigentlich lauten: Warum fragen wir überhaupt?
Auch diese Überfrage ist aber natürlich letztlich unbeantwortbar.
Denn jede Antwort (auf jedeFrage) löst letztlich immer rückbezüglich-zirkuläre Fragen aus: Warum gibt es überhaupt eine Antwort, und warum gerade diese? Warum müssen wir erst fragen, um Wahrheit zu finden? Wie können wir Wahrheit finden, wenn wir sie beim Suchen nicht bereits kennen (wie sollen wir sie mangels Metaebene erkennen)? Warum wollen und brauchen wir Antworten beziehungsweise Wahrheit?
Es gibt keine Wahrheit, auch nicht diese Wahrheit, dass es keine Wahrheit gibt, weil zur Verifizierung der Wahrheit eine Überebene erforderlich wäre und zur Verifizierung dieser Verifizierung wiederum eine Überebene usw.,also die Verifizierung in einen unendlichen Transgress führte.
2) 2. Prämisse: Es gebe ein Sein, dieses könne (auch) nicht sein.
Diese Unterscheidung von Sein und Nichtsein entspricht unserem Denken in Gegensätzen.Dieses führt zu den bekannten Zirkelschlüssen: Gegensätze bedingen sich gegenseitig, indem sie sich gegenseitig ausschließen.In dieser wechselbezüglichen Bestätigung und Verdrängung sind sie ihrerseits in den gegensätzlichen Möglichkeiten gefangen, sich aufrechtzuerhalten oder aufzuheben.Ein unendlicher Regress in circulum et ad infinitum!
Übertragen auf die Seinsfrage:
Sein (= Alles) könne es nur geben, wenn es auch das Nichtsein ( bezw.Nichts) hypothetisch-alternativ gebe. Denn sonst gäbe es (wegen der Selbstverständlichkeit) auch keinen Begriff dafür (ohne Nacht bedürfte es keines Begriffes für „Tag“; ohne Krankheit wäre der Begriff Gesundheit überflüssig; von einer „analogen“ Technik konnte man erst sprechen, als auch die digitale entwickelt war).Das Nichts könne es aber nicht „geben“, da es ja sonst doch etwas wäre. Daher gebe es auch das Sein nicht (Gorgias von Leontinoi).
Sein und Nichtsein schließen sich nicht nur gegenseitig aus, sondern heben sich jeweils auch selbst in Selbstwidersprüchen auf:
Das Sein muss als „Alles“ (im Gegensatz zur bloßen Anwesenheit von etwas) notwendigerweise auch das Nichts umfassen.Das „Nichts“ (im Gegensatz zur bloßen Abwesenheit von etwas) muss andererseits „sein“, insbesondere das Sein umfassen, damit nicht etwas verbleibt. Es „ist“ schon allein als (wenn auch nicht vorstellbares) begriffliches Gedankenkonstrukt einer hypothetischen Alternative zum Sein.
Auch totale Bejahung und totale Verneinung widersprechen sich jeweils selbst. Die totale Verneinung bejaht sich selbst und die totale Bejahung umfasst auch die Verneinung.
Speziell das eigene Sein oder Nichtsein des Fragenden entzieht sich der Frage in der Selbstbezüglichkeit des Gegensatzes: „Cogito, ergo sum.“(Descartes), aber: Sum, ergo cogito!“ Mein Denken beweist meine Existenz, aber was beweist mein Denken? Im übrigen beweist mein Denken allenfalls dann meine Existenz, wenn es keine weitere Möglichkeit als diese oder ihre Verneinung gibt.Der Grundsatz der aristotelischen Logik vom ausgeschlossenen Dritten ist aber schon durch die Erkenntnisse der Quantenphysik von der „verschwommenen“ Existenz der letzten Seinsbereiche ( Superposition; Heisenberg´sche Unschärferelation) überholt ( mehrwertige Quantenlogik )!
3) 3.Prämisse: Das Sein müsse einen Grund/Zweck/Sinn haben.
Doch: Welchen Grund/Sinn sollte ein Grund/Sinn haben?
Eigenschaften und Beziehungen (Gründe und Zwecke) begründen das Individuelle. Sie können daher dem Universalen nicht zukommen.
So hat jedes individuelle Leid einenGrund, der universale Umstand, dass es überhaupt Leid gibt, aber nicht. Das Sein und seine Ausgestaltung als Sosein sind kontingent. Eigenschaften und Beziehungen sind selbst etwas Seiendes und können daher nur innerhalb des Seins, nicht für das Sein selbst und das damit zwangsläufig verbundene Sosein gelten.
Die Unmöglichkeit von Letztbegründungen beschreibt Hans Albert (geboren 1921) als „Münchhausen-Trilemma“ wie folgt:
Wenn man „für alles eine Begründung verlangt, muss man auch für die Erkenntnisse, auf die man jeweils die zu begründende Auffassung … zurückgeführt hat, wieder eine Begründung verlangen.“ Das führt zur „Wahl zwischen
einem infiniten Regress, der durch die Notwendigkeit gegeben erscheint, in der Suche nach Gründen immer weiter zurückzugehen, der aber praktisch nicht durchzuführen ist und daher keine sichere Grundlage liefert;
einem logischen Zirkel in der Deduktion, der dadurch entsteht, dass man im Begründungsverfahren auf Aussagen zurückgreift, die vorher schon als begründungsbedürftig aufgetreten waren, und der ebenfalls zu keiner sicheren Grundlage führt; und schließlich:
einem Abbruch des Verfahrens an einem bestimmten Punkt, der zwar prinzipiell durchführbar erscheint, aber eine willkürliche Suspendierung des Prinzips der zureichenden Begründung involvieren würde.“
Alles muss durch etwas anderes bewiesen werden, und jede Beweisführung wird sich entweder im Kreise bewegen oder als endlose Kette in der Luft hängen. In keinem Falle lässt sich etwas beweisen. ( Timon von Phlieus, 320-230 v. Chr., Schüler des Pyrrhon von Elis )
„Wenn nämlich das, aus dem etwas erkannt wird, immer aus etwas anderem erkannt werden muss, so gerät man in die Diallele oder den unendlichen Regress.Möchte man aber etwas, aus dem etwas anderes erkannt wird, als aus sich selbst erkannt annehmen, so widersteht dem, dass … nichts aus sich selbst erkannt wird. Wie jedoch das Widersprüchliche entweder aus sich selbst oder aus etwas anderem erkannt werden könnte, sehen wir keinen Weg, solange sich das Kriterium der Wahrheit oder der Erkenntnis nicht zeigt.“ (Sextus Empiricus, 2. Jh. )
Außerdem: Grund und Zweck sind Seinsvorstellungen und -begriffe. Sie können daher dem Sein nicht vorgelagert werden, es transzendieren, ohne selbst bereits dem Sein anzugehören.
Im übrigen kann es außerhalb des Seins schon deshalb keine Kausalität oder Finalität geben, da diese über das Sein als solches hinaus seinsbedingte Raumzeit voraussetzen.Denn Grund und Ziel beziehen sich auf etwas, was entsteht und sich entwickelt, und setzen daher ein „Vorher“ und “Nachher“ sowie ein Gestaltungsobjekt in einem dafür offenen Medium voraus - ganz abgesehen vom ersten Grund und letzten Zweck, die in einem endlichen Re- beziehungsweise Progress untergehen und damit allen Gründen und Zwecken den Boden beziehungsweise Horizont entziehen.
Das Sein kann gar nicht entstanden sein, da Entstehung bereits Sein (Entwicklungsmöglichkeit) voraussetzt. Es kann auch kein Ziel verfolgen, da dieses außerhalb des Seins gesetzt worden sein müsste und damit bereits Sein wäre (Münchhausen kann sich nicht selbst aus dem Sumpf ziehen!).
4) 4. Prämisse: Sein und Nichtsein seien miteinander vergleichbar.
Das (als solches spätestens von der Quantenphysik entlarvte) geistige Konstrukt von Grund und Zweck versagt daher und erst recht auch beim Versuch einer „Begründung“ des Seins aufgrund eines (hypothetischen) Vergleiches mit dem Nichtsein. Nichts, was für oder gegen das Sein spricht, spricht zugleich umgekehrt gegen oder für das Nichtsein. Denn das Nichts ist nicht vergleichsfähig, weil es überhaupt keine Fähigkeit(Eigenschaft) besitzt, nicht einmal diese Negation, geschweige denn einen besseren oder schlechteren Grund als das Sein oder auch nur überhaupt einen Grund für sich.
Aus der Perspektive des Seins mögen sich (bewusstseinsstrukturierte) Gründe für ( „beste aller Möglichkeiten“ nach Leibnitz ) oder gegen (Unvollkommenheiten,Leiden nach Schopenhauer; Entwicklungsbedürftigkeit) das Sein finden lassen. Das Nichts ist aber keine Alternativmöglichkeit, da nicht nur in ihm keine (bessere oder schlechtere) Perspektive besteht, sondern es auch aus dem Sein heraus keine Perspektive bietet, ohne doch etwas zu sein. Das Nichts reicht über die Abwesenheit der im Sein (in unserem Bewusstsein) für oder gegen dieses sprechenden Gründe hinaus; in ihm ist auch nichts abwesend,es umfasst, besser oder schlechter zu sein als das Sein.
5) Spezielle Prämissen der Theodizeefrage:
a) Im Widerspruch zur Prämisse der Allmacht Gottes, die ihrerseits auf die anthropomorphe Vorstellung zurückgeht, dass das Sein beherrscht werden müsse,steht die Vorprämisse der
Existenz Gottes,
denn ein seiender Gott wird vom Sein transzendiert. Er ist „primitiver“ als die Elementarteilchen in der Quantenphysik, die über Sein und Nichtsein (komplementär) erhaben sind ( Superposition; Bonhoeffer: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“).
b) Im Widerspruch zur Prämisse der Vorexistenz Gottes steht die Prämisse, dass er das Sein erst erschaffen habe, abgesehen davon, dass eine Schöpfung - das Entstehenlassen von etwas noch nicht Vorhandenem - bereits Zeit und Raum voraussetzt und der Allmacht Gottes auch insofern widerspricht, als ein Allmächtiger nichts Neues und schon gar nicht Entwicklungen zu Zielen nötig hat.
c) Die Prämisse, dass Gott einen zureichenden Grund für die Schöpfung, wie sie ist, gehabt haben müsse, widerspricht ebenfalls der Allmacht, die nicht in den Grenzen der (menschlichen) Vernunft gefangen sein kann.
d) Die Prämisse, dass das Universum unvollkommen (Naturkatastrophen, Täuschungen,Mängel, Entwicklungsabhängigkeit usw.), leidhaft und vom Bösen und Ungerechten mitbestimmt sei, verabsolutiert und apriorisiert bloße Bewusstseinsinhalte, insbesondere des Menschen (Tiere kennen zwar Leiden, aber nicht die Wertung von Verhaltensweisen als böse und von Naturgegebenheiten und –geschehnissen als Unvollkommenheiten). Zu fragen ist daher, warum Gott den Lebewesen Bewusstseinsinhalte verliehen hat, mit denen sie nicht glücklich sind, letztlich, warum sie die Welt bipolar in der Unterscheidung von Positiv und Negativ sehen müssen und nach dem Grund fragen müssen.
Logische Antworten werden der über die Logik erhabenen Allmacht Gottes nicht gerecht, so:
Wenn Gott vollkommen ist, kann er keine vollkommen erscheinende Welt geschaffen haben, da sie dann er selbst (das Vollkommene) geblieben wäre.
Oder: Gäbe es nicht das Negative, gäbe es auch nicht das Positive.
Auch: Wenn die Welt beziehungsweise das Bewusstsein überhaupt nicht wäre, würden sich die in ihr aufgeworfenen Fragen gar nicht stellen, und wenn sie anders wäre, wäre ebenfalls zu fragen, warum so und nicht anders.Das Sein kann immer nur so sein, wie es ist, oder gar nicht. Gottes Schöpfung ist dann kontingent
Die Theodizeefrage krankt demnach bereits an der Prämisse, dass Gott, obwohl er in seiner (paradoxen) Allmacht letztlich als undenkbar definiert ist und daher jedem Beweis und jeder zweifelsfreien Offenbarungsmöglichkeit (umstrittener Christus) entrückt sein muss, dem Denken zugänglich sein könne. Mag er in seiner Undenkbarkeit auch lediglich erdacht worden sein (wie das Nichts), er kann jedenfalls immer noch so gedacht werden, dass er nicht „zerdacht“ werden kann.
Resümee:
Innerhalb unseres raum-zeitlich begriffenen Systems des Daseins können dessen Ursprung und Ende nicht wahrgenommen werden. Vielmehr verschwimmen diese Letztheiten –wie auch andere letztlich ebenfalls auf raum-zeitliche Vorstellungen zurückgehende Ultimitäten wie letzte Ursache, letztes Ziel, letzte Wahrheit, letzter Sinn – in der Unendlichkeit eines selbstbezüglichen Zirkels (unendlicher Re-oder Progress).
Denn vor, nach und außerhalb des Seienden kann Seiendes (Raum, Zeit, Ursache, Zweck usw.) nicht(gewesen) sein, und innerhalb des Seienden kann Seiendes nur im Sein entstanden sein, sein und entstehen. Einerseits kann also nichts Seiendes in ein Jenseits des Seins hinausweisen, andererseits ist diesseits des Seins alles Seiende letztlich nur in der Unendlichkeit des Seins (in allen zeitlichen, räumlichen und logischen Richtungen) und damit in sich selbst begründet:
Es ist so, weil es ist; wäre es nicht oder anders, dann eben letztlich nur, weil das Sein nicht bez.gerade so (anders) wäre. Das Sein in der Unendlichkeit des Alles umfasst auch das Nichts, das nur als Gegenteil von Seiendem innerhalb des Seins, als „seiende“ Negation, denkbar ist, nicht als Gegenteil des Seins überhaupt, da es dann ja - als Gegenteil, als Negation - immer noch Seiendes wäre, ein – wenn auch nicht mehr vorstellbares – Gedankenkonstrukt.
Daher „verschwimmt“ in der Quantenphysik der Mikrokosmos in der Heisenberg´schen Unschärferelation und in der Relativitätstheorie der Makrokosmos in der in sich gekrümmten Raumzeit.
14 Milliarden Jahre nach dem –wahrscheinlich unendlich in sich gekrümmten – Urknall herrschte bis zur Entstehung des Lebens blankes Sein: ein unendliches, totes, aber sich (trotz Unendlichkeit) entwickelndes All, gespenstisch, da es von niemandem wahrgenommen wurde (wenn nicht – nicht weniger gespenstisch – von einem einsamen Gott allein für sich); ein Universum nicht einmal „für die Katz´ “, da es sie noch nicht gab.
Auch heute, nach der Entstehung von Leben, hat dieses Sein nichts von seinem Gespenstcharakter eingebüßt:Es ist immer noch nicht einmal „ für die Katz “ da, weil diese es nicht wahrnehmen kann; auch für uns Menschen ist es unfassbar in seiner Unendlichkeit. Soweit wir es wahrnehmen (können), handelt es sich nur um einen unendlich kleinen Teil und noch dazu unter einem unendlich eingeschränkten Aspekt, nämlich der Zugänglichkeit für unsere Sinne, der Subjektivierung durch unsere Sinneseindrücke und unsere Gefühle sowie der Erfassbarkeit mit unseren selbstbezüglichen Denkstrukturen, die uns in letzter Konsequenz immer nur im Kreis der unendlichen Re-und Progresse herumführen (strukturdeterminiertes Bewusstsein).
B Ursächlichkeit und Zufälligkeit (Notwendigkeit und Freiheit; Kausalität und Kontingenz)
Auch Ursachen sind kontingent (zufällig).Denn es können folgende Fragen nicht ohne Selbstbezüglichkeit beantwortet werden:Warum gibt es sie(die Ursachen) überhaupt und warum gerade die, die es gibt?
Kausalität ist ein Vorgang und damit eineErscheinung der Zeit. Diese Zeit ist dann nicht überflüssig, wenn die strenge Kausalität zugunsten einer nur statistischen aufgehoben wird, wovon die Naturwissenschaften ausgehen, also das Zufallselement eingeführt wird. Dann ist die Welt nur bis zu einem Prognosehorizont determiniert, ab dem sich Möglichkeiten der Weiterentwicklung gabeln,von denen ursachenlos und daher nicht prognostizierbar eine verwirklicht wird bis zur nächsten Gabelung (sogenannte Bifurkation).
Seit der frühen Aufklärung (Hume, Kant) vertritt niemand mehr in der Geistesgeschichte und in der Wissenschaftsgeschichte die Auffassung einer strengen Kausalität :
Bekanntlich standen sich vorher zwei Antipoden gegenüber.
Thomas von Aquin sah bei seinen Gottesbeweisen im Zufall eine Offenbarung Gottes, nämlich seiner Freiheit und Unbegreiflichkeit.
Der Quantenphysiker Erwin Schrödinger,nach dem die Schrödinger´schen Wellengleichungen benannt sind, hat in seinem grundlegenden Aufsatz über "Das Gesetz des Zufalls" folgendes ausgeführt:
" Zufall ist das einzige herrschende Prinzip, das auch alledem, was wir Kausalität nennen, zugrundeliegt. Was in Wirklichkeit Spiel dieses Zufalls ist, kann zu statistisch voraussehbaren Konsequenzen führen, und Naturgesetz oder Kausalgesetz sind nur Namen für solche statistischen Regelmäßigkeiten.Diese experimentelle Entdeckung lässt sich bereits auf die philosophische Entdeckung Humes zurückführen, wonach zwischen dem, was wir Ursache, und dem, was wir Wirkung nennen, keine innergesetzliche Verbindung besteht, sondern das bloße Band gewohnheitsmäßiger Erfahrung."
Zufall und Notwendigkeit sind also keine sich ausschließenden, sondern sich ergänzenden Gegensätze.(sogenanntes Komplementaritätsprinzip der modernen Naturwissenschaften)
Dagegen sah Laplace die Welt als ein bloßes aufgezogenes Uhrwerk an. Alles sei von vornherein festgelegt. Ein Allwissender könne somit alles voraussagen.Dieser ist bekanntlich als der abschreckende "Laplace`sche Dämon" in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen.
Zusammenfassung:
Soweit das Prinzip der Kausalität(der statistischen im Quantenbereich, der – wegen Vernachlässigbarkeit der elementaren Unschärfen – strengen im übrigen) gilt, ist dieses zufällig (Aus welchem Grund sollte es Gründe geben?). Und, soweit der Zufall herrscht (nicht im epistemologischen Sinn der Unerkennbarbarkeit hochkomplexer Zusammenhänge, sondern ontologisch wie beim Quantensprung und der Genmutation), ist er notwendig, da sonst die Zukunft vollständig determiniert wäre und damit die Zeit als bloßer Umweg zu etwas, was noch nicht “ist“, sinnlos wäre (Warum sollte nicht gleich sein, was erst wird?) .
Beides, Zufall und Notwendigkeit, setzen als zeitliche Erscheinungen die Zeit voraus. Ursachen sind den Folgen vorgelagert, Zufälle ändern regelmäßige Geschehensabläufe.Die Zeit ist aber ebenfalls kontingent.
C Das Scheinproblem der Willensfreiheit:
Siehe zunächst unter "Theodizeefrage"-Exkurs
Hier noch einige ergänzende und vertiefende Perspektiven:
1) „Freiheit“ ist wie „Unabhängigkeit“ ein negierender Begriff, der ohne Bezug nichts besagt. Freiheit gibt es nicht an sich, sondern nur „von etwas“ oder „zu etwas“.
Die Freiheit des Willens kann daher weder bedeuten, dass der Wille von seinen Ursachen (willensbildenden Faktoren wie Veranlagung, Erfahrung, Wertehaltung,Befindlichkeit ,Motiv) frei ist, noch, dass die Freiheit selbst ursächlich für den Willen ist (was Willkür bedeuten würde),sondern, dass das menschliche (im Gegensatz zum tierischen) Bewusstsein seiner selbst ein willensbestimmender Faktor ist, eine Entscheidungsinstanz auf einer Metaebene:Ich will etwas, aber tue es nicht, weil ich es doch nicht will (und umgekehrt).
Auf dieser Entscheidungsebene des Selbstwiderspruches ist daher der Gegensatz von Freiheit und Notwendigkeit aufgehoben.Ich kann zwar nicht etwas wollen wollen (Schopenhauer), aber Gewolltes doch nicht wollen und Nichtgewolltes doch wollen. Auch für eine solche endgültige Entscheidung sind zwar Motive bestimmend (zum Beispiel moralische Grundsätze), aber in eigentlich ungewollter Präferenz.
Willensfreiheit bedeutet also die Fähigkeit, etwas doch zu wollen, was man eigentlich gar nicht will und umgekehrt.
Eine Taube auf dem Dach, die sich plötzlich entschließt, wegzufliegen, ohne dazu durch Futtersuche oder Verbesserung des Aufenthaltsortes usw. motiviert zu sein, handelt lediglich zufällig, um – entsprechend den Grundsätzen der Evolution - immer Neues auszuprobieren. Der Mensch, der vor zwei für ihn gleichwertige Entscheidungsmöglichkeiten gestellt wird ( „ Buridons Esel“ ), kann sich trotzdem entscheiden, allein, um sich zu entscheiden (und sei es zum Nichthandeln).Das Tier wird sich auch entscheiden, aber einfach aus probabilistischer Gewohnheit.
Es ist die Kompetenzkompetenz des Menschen, die missverständlich als „Willensfreiheit“ bezeichnet wird. Sie begründet die Verantwortlichkeit (gegenüber der Gesellschaft oder einer religiösen Instanz) für das eigene, von außen unbeeinflusste Verhalten trotzder Unbeeinflussbarkeit und zum großen Teil auch Unbewusstheit der willensbildenden inneren Faktoren.
2) Vielleicht kann man dieses Scheinproblem an einem konkreten Beispiel aufhängen:
Ich sitze hier am Computer, um zu philosophieren.Ich habe die äußere Freiheit, etwas anderes zu tun, beispielsweise spazierenzugehen.
Dass ich mich zum Philosophieren entschlossen habe, beruht auf Gründen.So bringe ich von der Veranlagung her eine Präferenz für geistige Beschäftigung gegenüber einer körperlichen mit. Von der Erfahrung im Umgang mit Menschen bringe ich eine Präferenz für das Alleinsein gegenüber realer Begegnung mit Menschen mit. Schließlich nehme ich folgende Wertung vor: Es ist besser, Gedanken zur Diskussion zu stellen ,statt sie im stillen Hirnkämmerlein mitzuschleppen. Mein Entschluss ist durch diese bildenden Faktoren zustandegekommen, also nicht frei.
Nun könnte ich sicherlich hergehen und sagen:Gerade erst recht gehe ich jetzt spazieren, um meine Willensfreiheit zu beweisen! Aber dann fasse ich eben einen neuen Entschluss, der wiederum nicht frei ist, sondern letztlich durch die Erwägung begründet ist, dem Willensdiktat zu trotzen.
Obwohl mein Entschluß also nicht frei, hier: nicht ohne Ursachen, zustandegekommen ist, fühle ich mich so, als hätte ich mich frei entschlossen. Auch meine Mitmenschen sehen dies so, beispielsweise , wenn mir jemand Vorhaltungen machen würde,trotz des sonnigen Wetters nicht spazierengegangen zu sein.
Spätestens jetzt stellt sich dieFrage, was ist denn dieses „Ich“, das sich hier so frei fühlt?.Es ist einfach der Inbegriff aller Ursachen, die zu der Entscheidung geführt haben. Es ist die Selbstbezüglichkeit von Ursache und Wirkung im eigenen Bewusstsein. Ich bin also nicht bloße Marionette der willensbildenden Faktoren, sondern ich bin diese Faktoren selbst!
Zum Kontrast nochmals folgendes Beispiel: Eine Taube sitzt am Rande einer Dachrinne. Sie bewegt ruckartig ihren Kopf in alle Richtungen. Plötzlich fliegt sie auf und lässt sich an der gegenüberliegenden Dachrinne eines Hauses nieder. Sie wurde weder aufgescheucht, noch trieb sie die Futtersuche oder sonst irgendein Motiv zum Ortswechsel. Es war einfach das, was wir bei der unbelebten Materie als Spiel des Zufalls bezeichnen.
Die Willensfreiheit ist eine Erfindung des Kirchenvaters und katholischen Heiligen Augustinus Ihn trieb die Frage um, warum denn die Welt so unvollkommen und schlecht (böse) ist, obwohl Gott doch allmächtig und gut ist. Er hat Gott mit folgenden Schritten zu entlasten versucht:
1) Das Schlechte gibt es nicht, sondern lediglich als Gegensatz zum Guten.Beide bedingen sich. Das Schlechte ist also der Preis für das Gute. (Das ist eine unzulässige Verallgemeinerung von Gegensätzen – siehe meine Ausführungen zu den Gegensätzen -, da es im vorliegenden Fall auch das Neutrale gibt).
2) Das Schlechte ist nicht in der Natur, sondern Schlecht/Gut sind lediglich ein Wertungsmaßstab im Bewusstsein des Menschen (so Gott zu Hiob, Hiob 38,5).Gott hat ihn uns verliehen, um uns über die Natur erheben zu können. Denn die Natur ist wertneutral, weder böse noch gut.
3) Gott hat uns noch durch einen weiteren Schritt über die Natur erhoben und daher gottesebenbildlich gemacht: indem er uns die Freiheit verliehen hat, uns zwischen Gut und Schlecht (Böse) zu entscheiden.
Augustinus hat dabei durchaus gesehen,dass sich Gott an den uns ermöglichten Entscheidungen für das Böse „mitschuldig“ macht, da er ja in seiner Allwissenheit jede solche Entscheidung voraussieht und in seiner Allmächtigkeit verhindern kann.Aber Gott habe eben um des Geschenkes der Freiheit willen als Preis die Entscheidungen zum Bösen in Kauf genommen.Denn die Freiheit sei das, was ihn ausmache. Indem er uns einen Teil seiner Freiheit abgegeben habe, habe er uns das höchste Geschenk, die Gottesebenbildlichkeit, bereitet.
4) Unsere Entscheidungen für das Böse fallen nicht auf Gott zurück,denn sie werden durch seine Gnade gegenstandslos.
So weit zu Augustinus.
Luther hat gegen ihn argumentiert in seiner Schrift: „De servo arbitrio“(Über den unfreien Willen) Er teilt zwar dessen Gnadenlehre. Jedoch sieht er in der Statuierung eines freien Willens einen Verstoß gegen die biblischen Aussagen und einen Angriff auf die Allmächtigkeit Gottes. Nach dem Alten und dem Neuen Testament ist der Mensch von Grund auf schlecht. Jesus hat gesagt: „Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der ewigeGott.“ Gott habe es in seiner Allmächtigkeit nicht nötig, frei zu sein, Freiheiten zu schaffen und dafür Preise zu zahlen.(eigene Anmerkung: aber Gnade zu erteilen?)
Die Lehre Luthers ist sehr kompliziert. Er unterscheidet zwischen Entscheidungen im Alltag (zum Beispiel der tätigen Nächstenliebe) und den Entscheidungen für oder gegen Gott.
3) Willensfreiheit kann sinnvollerweise nur heißen: Freiheit des Willens von Wünschen. Wenn ich zum Beispiel jemanden schlagen „will“, es aber nicht tue, dann habe ich nicht den „Willen“ frei gewechselt, sondern habe, wenn keine Willkür vorliegt, eben meine überwiegenden, bestimmenden Gründe für den endgültigen Willen, nicht zu schlagen. Ich habe mich lediglich „befreit“ von dem Wunsch, zu schlagen, das heißt: von einer letztlich nur subjektiven Zielbestimmung meines Verhaltens. Ich schlage nicht, obwohl mir das nicht „gefällt“. Willensfreiheit heißt daher Triebsteuerungsfähigkeit, Wunschversagungsfreiheit.
4) Willensfreiheit, Wunschunabhängigkeit, Handlungsfreiheit und Verantwortlichkeit
Es ist zu unterscheiden zwischen Willensfreiheit, Wunschunabhängigkeit, Handlungsfreiheit und Verantwortlichkeit.
Die Handlungsfreiheit ist eine Selbstverständlichkeit. Sie bedeutet die äußere Freiheit, etwas zu tun oder zu unterlassen. Sie besteht, wenn ich nicht durch Täuschung, Drohung oder körperlichen Zwang zu einem Tun oder Unterlassen bestimmt werde.
Die Willensfreiheit jedoch soll eine innere Freiheit bedeuten.Wenn ich aber etwas will, dann habe ich eben ein Motiv (das wiederum geprägt ist durch Veranlagung und Erfahrung). Dieses Motiv kann ich mir nicht heraussuchen. Wenn ich mir zum Beispiel das Motiv ethische Haltung dafür heraussuche, dass ich nicht töte, dann habe ich bereits den Wllen, nicht zu töten.
Freier Wille hieße Motivlosigkeit, also Willkür, Unberechenbarkeit!
Ich kann doch nicht sagen, ich will töten, aber tue es nicht, denn wenn ich es nicht tue, dann will ich es eben nicht tun!
Der Wille darf nicht mit dem Wunsch verwechselt werden. Ich kann zwar wünschen, jemanden, der mir verhasst ist, zu töten. Aber ich kann gleichzeitig wollen (zum Beispiel aus ethischen Gründen oder, um nicht bestraft zu werden), ihn nicht zu töten!
Auch ohne freien Willen bin ich für mein Handeln und Unterlassen verantwortlich. Nicht, weil ich geboren bin und so veranlagt bin, wie ich bin, und die Erfahrungen gemacht habe, die mich prägen , und daher das Motiv habe, das mein Verhalten bestimmt. Sondern weil dieses Verhalten meinem Ich zuzurechnen ist und dieses Ich nichts anderes ist als das, was bei meiner Geburt geboren worden ist, ferner das, was mir dabei an Veranlagung mitgegeben worden ist, und schließlich das, was mich an Erfahrungen geprägt hat, letztlich, was alles zu dem Motiv meines gewollten Verhaltens geführt hat.
Das deutsche Strafgesetzbuch kennt keine Willensfreiheit sondern lediglich Handlungsfreiheit: Ein Straftäter ist schuldfähig, wenn er bei Begehung der Tat das Unrecht dieser Tat einsieht und gemäß dieser Einsicht handeln kann ( §§ 20, 21 StGB ), also wenn seine (persönlichkeitseigene) Willensbildung nicht (zum Beispiel –unverschuldet – durch Alkoholgenuss, Affekt usw.) so stark beeinträchtigt ist, dass sein Hemmungsvermögen beziehungsweise sein Steuerungsvermögen (gegen die Tat) wesentlich herabgesetzt ist.
Kannte er von vorneherein (aufgrund Anlage und Erfahrung) keine ausreichende Hemmschwelle oder Steuerungsfähigkeit, ist er ein Fall für die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.
Der Vorsatz umfasst als Wissen und Wollen mit letzterem natürlich auch das Willenselement. Auch die Fahrlässigkeit als Außerachtlassung der gebotenen und zumutbaren Sorgfalt umfasst das Willenselement, nämlich in negativer Hinsicht. Die Frage der Genese des Willens bleibt dabei jedoch offen. Nur in negativer Hinsicht kommt sie zum Tragen, nämlich bei den Schuldausschließungsgründen. Die Kommentierungen zu den §§ 20f StGB betonen , dass der Gesetzgeber keine Entscheidung zum Problem der Willensfreiheit getroffen habe ( vgl.insbes. Stange/Rilinger StV10/05; Schiemann NJW 29/04; Reinelt NJW 39/04; ferner die Monographievon Griffel: „Willensfreiheit und Strafrecht“).
5) Das Problem des freien Willens wird nur für den Fall diskutiert , dass jemand, von außen unbeeinflusst und in normaler – was immer das sei – körperlicher, geistiger und seelischer Verfassung , eine Entscheidung trifft.
In seiner „Preisschrift über die Freiheit des Willens, gekrönt von der Königlich Norwegischen Societät der Wissenschaften, zu Drondheim, am 26. Januar 1839“ entlarvt Schopenhauer den „freien Willen“ als Fehler oberflächlichen Denkens. Er führt auch aus, dass es sich dabei um einen misslungenen Versuch des katholischen Kirchenvaters Augustinus handele, den Menschen für die Sünden verantwortlich zu machen. Er zitiert hierzu aus Augustinus Schrift: „De libero arbitrio“(Überden freien Willen): „Dic mihi, quaeso, utrum Deus non sit auctor mali ?-“ Sag mir bitte, ob nicht Gott der Urheber des Bösen ist?“ Und: „Movet autem animum, si peccata ex his animabus sunt ,quas Deus creavit , illae autem animae ex Deo; quomodo non , parvo intervallo, peccata referantur in Deum.“- „Folgende Frage bewegt aber mein Gemüt: wenn die Sünden aus der Seele kommen, die Gott geschaffen hat, jene Seelen aber aus Gott kommen: wieso fallen dann die Sünden nicht mittelbar auf Gott zurück?“
Seine Antwort, dass Gott dem Menschen den freien Willen verliehen habe, um eigenverantwortlich zwischen Gut und Böse entscheiden zu können – ein Akt der Liebe Gottes-, führt nicht weiter. Denn Gott muss ja in seiner Allmacht den Gegensatz von Gut und Böse (den es natürlich in der Natur nicht gibt, sondern bei dem es sich um Wertungen des Menschen handelt) und den Gegensatz von Notwendigkeit und Freiheit geschaffen haben und in seiner Allwissenheit jede Entscheidung des Menschen für das Böse vorausgesehen haben. Also bleibt Gott immer noch der Urheber des Bösen. So steht es ja auch an verschiedenen Stellen des AltenTestamentes (siehe meine Ausführungen zur Theodizee-Frage).
Luther hat sich vehement gegen die Annahme eines freien Willens gewandt und eine Streitschrift gegen Erasmus von Rotterdam, der die Freiheit des Willens verfocht ( „De libero arbitrio“- Über den freien Willen ), verfasst mit demTitel. „ De servo arbitrio “(Über den unfreien Willen).Darin heißt es: „At talem oportere esse Deum, qui libertate sua necessitatem imponat nobis , ipsa ratio naturalis cogitur confiteri.-Concessa praescientia et omnipotentia, sequitur naturaliter,irrefragibili consequentia, nos per nos ipsos non esse factos, nec vivere, nec agere quidquam, sed per illius omnipotentiam.- Pugnat ex diametro praescienta et omnipotentia Dei cum nostro libero arbitrio.-Omnes homines coguntur inevitabili consequentia admittere, nos nonfieri nostra voluntate, sed necessitate; ita nos non facere quodlibet, pro jure liberi arbitrii, sed prout Deus praescivit et agit consilio et virtute infallibili et immutabili...“ - „Aber dass Gott ein solcher sein muss, welcher vermöge seiner Freiheit uns der Notwendigkeit unterwirft, das muss schon die natürliche Vernunft zugeben. - Wenn man die Allwissenheit und Allmacht zugesteht, so folgt naturgemäß und unwidersprechlich, dass wir nicht durch uns selbst gemacht sind oder leben oder irgendetwas tun, sondern nur durch seine Allmacht – Die Allwissenheit und Allmacht Gottes steht in diametralem Widerspruch zu der Freiheit unseres Willens. - Alle Menschen werden mit unvermeidlicher Konsequenz gezwungen, anzuerkennen, dass wir nicht durch unseren Willen, sondern vielmehr aus Notwendigkeit geschehen; so tun wir also nicht was uns beliebt, nach dem Gebot unseres freien Willens, sondern handeln so, wie Gott es vorgesehen hat und durch unfehlbaren und unwandelbaren Ratschluss und Willen ausführt. “
Statt „Gott“ kann man natürlich „Evolution“ setzen. Die Auffassung Luthers ist wohl fatalistisch(„sola gratia“-“allein durch die Gnade Gottes werden wir erlöst“). aber weltlich betrachtet, entspricht sie den Erkenntnissen der Naturwissenschaft, wonach sich Entscheidungen im Hirn schon ablesen lassen, bevor sie bewusst getroffen werden ( Versuche von Libet).
Von Luther ist in diesem Zusammenhang noch folgendes Zitat nachzutragen: „Ich kann den Gott, der die Sünder straft, nicht lieben, ich hasse ihn und seine Gerechtigkeit.“ Dieses Zitat stammt noch aus der Zeit seines klösterlichen Aufenthaltes, also vor Verfassung seiner Gnadenlehre (bei der er sich jedoch die Frage gefallen lassen muss, warum Gott die Möglichkeit der Sünde geschaffen hat, um dann doch Gnade walten zu lassen?!).
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