Wahrnehmung,Wahrheit 

 

A  Wahrnehmung

 

Abstract :

 

Unsere Wahrnehmung im weiteren Sinn, nämlich

 

Sinneseindrücke,

Denken,

Fühlen,

Werten (Vergleichen, Beurteilen;ästhetisch, ethisch,orientierend),

 

ist

 

selektiv,

abstrahierend,

sezierend,

subjektivend (Qualia),

imaginierend ,

 

somit strukturdeterminiert (vgl.insbes. die Kognitionswissenschaftler Humberto Maturana, Francisco J. Varela) 

 

Speziell unser Denken ist kategoristisch, nämlich

 

kontradiktorisch (Ja/Nein;Sein/Nichts; Seiend/Nichtseiend; Wahrheit/Unwahrheit),

raum-zeitlich,

partikularistisch (Ganzes/Teil;Objekt/Subjekt),

reduktionistisch ( kausalistisch,funktionalistisch, entelechistsch).

 

Es führt in letzter Abstraktion wegen der Anwendung der Kategorien auf sich selbst ( z.B.:Was war vor der Zeit? Was ist außerhalb des Raumes? Warum ist etwas und nicht nichts?) oder der Abstraktheit der Frageprämissen ( z.B.:Welchen Grund haben Gründe? Welchen Sinn hat Sinn?Wie viele Teile hat das Ganze, wenn jedes Teil wieder ein Ganzes darstellt?Alles hat Grenzen zu etwas jenseits Gelegenem; gibt es ein Jenseits aller Grenzen?) zur Selbstbezüglichkeit (Denkzirkel) oder Iteration (unendlicher Pro-,Regress).

 

 

I Dass unsere „Wahr“-nehmung sich nicht „die Wahrheit“ nimmt, sondern nur etwas „als wahr“ nimmt, nämlich zumindest qualitativ und quantitativ nicht etwas außerhalb unserer Sinne Liegendem entspricht, falls wir einer solchen Außenwelt überhaupt eine von unserem Bewusstsein unabhängige Existenz unterstellen wollen, ist offenkundig.

 

Das zeigt sich schon an wenigen Beispielen:

 

1) Was wir als Helligkeitempfinden, ist nichts anderes als das Auftreffen elektromagnetischerWellen eines bestimmten Spektrums, die wir Licht nennen, auf unsereNetzhaut, nachdem sie von der uns umgebenden Materie ausgesandt oderreflektiert worden sind.Was die subjektive Empfindung „hell“ ist,können wir einem von Geburt an Blindem nicht beschreiben (ebensowenig wie „dunkel“ oder die Farbeindrücke).

 

2) Was wir als Töne hören, ist ebenfalls nichts anderes als das Auftreffen von Luftwellen eines begrenzten Spektrums auf unser Trommelfell. Die subjektiven Empfindungen „Musik“, „Sprache“, „Geräusch“,„laut“, „leise“ usw. können wir einem von Geburt an Tauben nicht vermitteln.

 

3) Was wir z.B. alsTemperatur sensorisch empfinden, ist nichts anderes als das Auftreffen unterschiedlich stark bewegter Atome auf unserer Haut. Wie wollen wir die Empfindung „heiß“ oder „kalt“ beschreiben?

 

4) Auch die Empfindungen Geruch und Geschmack beim Kontakt entsprechender Partikel mit unserem sensorischen System sind nicht objektivierbar.

 

Soweit Beispiele zu unseren fünf Sinnen (sog. Qualia-Problem).

 

Für unsere orientierenden, ästhetischen und ethischen Werturteile sowie die psychischen Gefühle gilt ebenfalls, dass sie nicht objektivierbar sind.

 

 

II Weshalb sollte anderes für unser intellektuelles Wahrnehmungssystem, für unseren Verstand,gelten?

 

Unsere Denkkategorien wie Wahrheit/Unwahrheit, Sein/Nichtsein, Raum und Zeit, Geist/Materie,Objekt/Subjekt, Ganzes/Teil, Ursache/Wirkung, ja: Ja/Nein entpuppen sich als Vorstellungen, die ebenso wie unsere Sinneseindrücke auf Grenzen stoßen und bewusstseinsbefangen erscheinen.Sie führen uns,da sie im Gegensatz zu den Sinneswahrnehmungen, über die der Verstand hinausgreift, nur noch an sich selbst orientiert werden können, in letzter Konsequenz zu Aporien der Unendlichkeit und Selbstbezüglichkeit und versagen heute auch in den Realwissenschaften (insbesondere in der Quantenphysik).

 

Folgende Beispiele zeigen die Aporien des Denkens in Denkkategorien über Denkkategorien:

 

1) Wir denken in den gegensätzlichen Kategorien von Ja und Nein (kontradiktorisches Denken).Nach der aristotelischen Logik gibt es nichts Drittes ( „ tertium non datur“), nämlich weder etwas, das weder das eine noch das andere, noch etwas, das beides zusammen („Jein“) wäre.

 

Doch was ist, wenn ein Zeuge vor Gericht beteuert, die Unwahrheit zu sagen? Spricht er die Wahrheit? Ja oder nein? Wenn seine Beteuerung richtig ist, sagt er die Unwahrheit, so dass die Beteuerung falsch ist. Wenn sie (aber) falsch ist, sagt er die Wahrheit, so dass die Beteuerung, die Unwahrheit zu sagen, doch stimmt und er die Unwahrheit sagt usw.

Dieses Beispiel ist eine Abwandlung des klassischen Lügnerparádoxons: Epimenides, der Kreter, sagt, alle Kreter seien Lügner. Daher lügt auch er, daher sind doch nicht alle Kreter Lügner, daher mag er die Wahrheit sagen,was jedoch nicht sein kann, wenn alle Kreter Lügner sind usw.

Gott liebt jeden, der sich nicht selbst liebt. Liebt er sich selbst? Wenn ja, liebt er sich nicht. Wenn nein, liebt er sich.

 

2) Für uns kann etwas nur sein oder nicht sein (kontradiktorisches Denken).

 

Wir können uns aber weder ein unendliches Sein (Was war vor und ist außerhalb des expandierenden Universums?) noch ein absolutes Nichtsein (ohne Raum und Zeit) denken oder gar vorstellen.Das erstere ließe (als „Alles“)keinen Raum mehr für ein Nichts, so dass die Begriffe „Sein“ und„Nichtsein“ mit ihrem Gegensatz auch ihren Sinn verlören. Das letztere wäre, wenn es dieses Nichts gäbe, paradoxerweise doch etwas Seiendes.

 

Das Sein kann es also nur als Gegensatz zum Nichtsein geben. Das Nichtsein kann es aber nicht geben, da es dann seiend wäre, was widersprüchlich wäre.Gibt es daher kein Nichtsein, ist es auch sinnlos, von einem Sein zu sprechen. Im täglichen Sprachgebrauch bezeichnen wir mit dem Begriffspaar Sein – Nichtsein nicht ein Erkenntnisobjekt als solches, sondern dessen Eigenschaft, der Raumzeit anzugehören. Die Raumzeit selbst als seiend zu bezeichnen, wird aus den obigen Gründen schon problematisch: sie lässt sich nicht wegdenken.

 

Erst recht ist der Begriff der Transzendenz nur eine Projektion unseres Denkens ins Undenkbare.

 

Wir schließen von de rWahrnehmung auf das Sein. Etwas ist, weil wir es wahrnehmen, und wir nehmen es wahr, weil es ist.

 

Aber sind wir selbst überhaupt? Descartes meinte, er sei, denn er denke („cogito, ergo sum“). Doch kann man das Denken beweisen? Und unterstellte Descartes mit seinem Denken nicht auch sein erst zu beweisendes Sein,so dass er lediglich einen Zirkelschluss zog? Ohne Sein kein Denken!Daher Sein wegen Denkens, aber auch Denken wegen Seins! Kant meinte,er sei, weil er das sonst nicht in Zweifel ziehen könnte. Das ist eigentlich die gleiche Beweisführung wie bei Descartes: Eine Eigenschaft des Seins wird zu dessen Beweis herangezogen, obwohl die Eigenschaft ja erst mit dem Sein bewiesen ist. Wenn Kant meint, ohne zu sein, könne man das Sein nicht in Zweifel ziehen, und Descartes glaubt, ohne Denken könne man nicht sein, gehen beide bereits von einer Vorstellung über das Sein aus, bevor sie dieses überhaupt bewiesen haben.Vor allem aber apriorisieren sie die Alternative Sein/Nichtsein, so dass der Beweis nur auf einer Metaebene geführt werden könnte.Und wo bleibt der Beweis, dass es nur die Alternative Sein/Nichtsein gibt? (Nach der Quantenphysik kann ein Elementarteilchen zugleich sein und nicht sein und zugleich weder sein noch nicht sein; sog.Quantenlogik; vergleiche u.a. bereitsPyrrhon von Elis ,365/60-275 v.Chr.: „Über jeden einzelnen Gegenstand muss man sagen, dass er nicht mehr `ist` als `nicht ist`,oder: dass er sowohl `ist` als `nicht ist`, oder: dass er weder `ist noch ´nicht ist`.“).

 

3) Wir glauben an Wahrheit und Unwahrheit (orientierendes Denken).

 

Die Wahrheit kann aber von der Unwahrheit nur von einem übergeordneten Standpunkt aus unterschieden werden. Daher kann es keine letzte Wahrheit geben, da dann die übergeordnete Verifikationsebene fehlte (Gödelscher Unvollständigkeitssatz). Die Suche nach einer solchen Wahrheit ist paradox, weil diese Wahrheit bereits bekannt sein müsste, um erkannt werden zu können, sie dann aber bereits gefunden wäre. Die Philosophie plagt sich also mit der selbstbezüglichen Frage: Welche Antwort auf die Frage nach der Wahrheit ist wahr?

 

4) Wir denken in den Kategorien von Raum und Zeit (fixierendes Denken).

 

Etwas Nicht-Räumliches und Nicht-Zeitliches können wir uns nicht vorstellen. Daher müssen Raum und Zeit unendlich sein. Unendlichkeit können wir uns aber ebenfalls nicht vorstellen. Andererseits können wir uns aber auch nicht vorstellen, dass Raum und Zeit Grenzen beziehungsweise Anfang und Ende haben, denn dann müsste es etwas außerhalb des Raumes und vor und nach der Zeit geben, was wir uns wieder nur raum-zeitlich vorstellen können(unendlicher Progress).

 

Im übrigen: Wo bleibt die Zeit? Die Vergangenheit gibt es nicht mehr, die Zukunft noch nicht, und die Gegenwart hat keine Dauer, wie schon Augustinus hervorgehoben hat (Einstein: „Leute wie wir, die an die Physik glauben, wissen, dass die Unterscheidung zwischen Vergangenheit,Gegenwart und Zukunft nur eine hartnäckige, beharrliche Illusion ist.“).Und der Raum? Er besteht aus unendlich vielen Raumpunkten,die aber keinerlei Ausdehnung haben (Koordinatenschnittpunkte ohneDimension).Aus Null wird Unendlich!

 

5) Wir trennen denTeil vom Ganzen (reduktionistisches Denken).

 

Ein Ganzes, das nicht kleiner sein könnte, können wir uns nicht vorstellen. Also muss jedes Ganze zumindest messungsmäßig geteilt werden können. Jedes Ganze ist aber wieder Teil eines umfassenderen Ganzen, und jeder Teil könnte noch kleiner sein und daher weiter teilbar.Wir können uns aber weder das Ganze als unendlich groß (siehe oben zum Raum), noch ein Teil als unendlich klein vorstellen, letzteres auch deswegen nicht, weil die unendlich vielen, unendlich kleinen Teile eines unendlich teilbaren, endlichen Ganzen jeweils weder auf die Größe von Null wegschrumpfen dürfen, da sie dann auch in ihrer Gesamtheit kein Ganzes mehr ergeben könnten, noch größer als Null bleiben dürfen, weil sie dann in ihrer Summe ein unendliches Ganzes ergäben.

Dieses Dilemma verdeutlichen Zenons Bewegungsparadoxien.Keine Strecke kann(gedanklich) je zurückgelegt werden, weil dazu unendlich vieleTeilstrecken, wenn auch in unendlich kurzer Zeit, überwunden werden müssten.

 

6) Wir unterscheiden zwischen Materie und Geist (differenzierendes Denken).

 

Die Materie unterliegt in ihrer Entstehung und Entwicklung einem Geist (des „So – und –nicht – anders“; Entelechie). Der Geist ist in seiner Wirkungskraft an die Materie gebunden („Urknall“).Beide sind also untrennbar miteinander verbunden (Beispiel: Denken und Gehirn). Was aber ist an der Materie (z.B.Gehirn) Geist, und was ist an Geist (zB.Gedanke) Materie? Wir unterscheiden, ohne die Unterschiede unterscheiden zu können, an den Erscheinungen der Welt zwischen ihrem (toten) statischen Wesen, das es isoliert gar nicht gibt, und ihren (lebendigen) dynamischen Eigenschaften, die für sich allein nicht existieren können (vergl.Chaostheorie).

 

7) Der GegensatzSubjekt – Objekt (verabsolutierendes Denken) trennt uns von einer Außenwelt, obwohl wir doch Teil derselben sind.

Wir stellen uns die von uns wahrgenommene Welt als außerhalb von uns existent vor, wissen aber, dass wir, die wir uns ja auch selbst wahrnehmen können,zugleich selbst Teil dieser Welt sind, die demnach doch nicht außerhalb von uns existiert. Daher können wir weder eine Welt außerhalb von uns, noch uns selbst beweisen. Denn wir nehmen zwar eine Außenwelt und uns selbst wahr, aber dieses Wahrgenommene nicht außerhalb unserer Wahrnehmung und die Wahrnehmung nur deshalb als seiend, weil wir uns aufgrund unserer logischen Vorprägung nich tvorstellen können, dass sie nicht existiert oder sie weder ist noch nicht ist (siehe oben zum Sein und Nichtsein).

 

8)Wir sehen Ordnung und Chaos (ordnendes Denken).

 

Die Küste Englands verläuft chaotisch. Wir schaffen Ordnung und legen Maß an, pressen sie also in exakte Maßeinheiten (deren Grenzpunkte wegen ihrer unendlichen Teilbarkeit aber völlig unexakt sind, wie sich aus den obigen Ausführungen zum Teil und Ganzen ergibt).Je genauer wir sie vermessen, je kürzer also die Krümmungen zwischen den Messpunkten werden, desto ungenauer wird das Ergebnis: Das Maß strebt in unendlicher Annäherung einem Grenzwert zu, wie der Kreisumfang oder jeder Teil davon.

 

Typisches Ordnungsmittel ist die Klassifizierung.Doch was fällt noch unter die Klasse des Waldes? Wie viele Bäume sind mindestens erforderlich, um einen Wald zu ergeben? Enthält die Klasse aller sich nicht selbst enthaltenden Klassen sich selbst (Russel`sches Paradox)? Wenn sie sich selbst enthält, ist sie keine Klasse mehr, die sie enthält, so dass sie sich doch nicht enthält. Wenn sie sich aber nicht selbst enthält,ist sie eine Klasse, die sie enthält, so dass sie sich doch enthält.Einfacher ausgedrückt: wenn sie sich selbst enthält, gehört sie nicht zu den Klassen, die sie enthält – nämlich den Klassen, die sich nicht selbst enthalten -, und enthält sich daher doch nicht selbst. Wenn sie sich nicht selbst enthält, gehört sie zur den Klassen, die sie enthält – nämlich den Klassen, die sich nicht selbst enthalten -, und enthält sich daher doch selbst. Oder: Wenn sie sich selbst enthält, kann sie nicht in sich selbst enthalten sein, weil sie nur alle nicht in sich selbst enthaltenen Klassen umfasst. Wenn sie sich aber nicht in sich selbst enthält, ist sie nicht die Klasse, die ALLE Klassen umfasst die nicht in sich selbst enthalten sind.(Grund des Paradoxons ist letztlich ebenfalls ein Paradoxon: Eine Klasse, die sich selbst umfasst, kann es nicht geben,da dies zu einem unendlichen Progress führen würde wie zum Beispiel das Sein des Seins).

 

9) Wir unterscheiden zwischen Ursache und Wirkung (kausalistisches Denken).

 

Warum fragt der Mensch immer „warum“? Diese selbstbezügliche Frage kennzeichnet dasDilemma kausalistischen Denkens ebenso wie die resignative Feststellung: Auch wenn alles erklärbar wäre, bliebe noch die Frage: warum und warum gerade so? ( Das Unbegreiflichste wäre eine begreifbare Welt!).

Etwas ohne Ursache können wir uns nicht vorstellen. Jede Ursache muss daher wieder eine solche haben. Aber auch unendlich viele Ursachen sind uns nicht vorstellbar.Als eine letzte – also selbst ursachenlose – Ursache gilt uns derZufall (von der – anthropomorphen- Gottesfrage einmal abgesehen).Er befriedigt aber das kausalistische Denken ebenfalls nicht. Die Abfolge von Ursache und Wirkung entpuppt sich jedoch nach dem Prinzip der einfachsten Erklärung ( Ockhams „Rasiermesser“) als nichts anderes als der regelmäßige zeitliche Ablauf eines Geschehens (David Hume).Der Anstoß, der eine Kugel zum Rollen bringt, ist die „Ursache“ dieser Bewegung.Aber das heißt nichts anderes, als dass er ihr eben vorausgegangen ist und einem solchen Anstoß erfahrungsgemäß die Bewegung nachfolgt.Erklärt ist damit überhaupt nichts, sondern nur eine Erfahrung beschrieben. Solche Beschreibungen lassen sich abstrahieren, das sind dann die sog.Naturgesetze.

 

10) Für uns ist ein Ereignis entweder notwendig oder zufällig (kausalistischesDenken).

 

Jedes Ereignis stellt sich uns als das Zusammentreffen von Kausalketten dar, die sich – in die Vergangenheit bis zum Urknall zurückverfolgt - (zunächst) immer weiter aufspalten (wie die Stammbäume), und deren jedes Glied wiederum durch ein Zusammentreffen unendlich vieler, unendlich langer Kausalketten gebildet wird: Der Blumentopf, der vom Fensterbrett auf den Kopf des Passanten fällt, war vom Eigentümer aufgestellt und vom Wind angestoßen worden. Weitere Voraussetzungen für diesen Sturz waren(abgesehen von den negativem Ursachen) - nur grob herausgegriffen -unter anderem die Geburt des Eigentümers, die Errichtung des Hauses,die Entstehung des Windes. Der Passant ist getroffen worden, weil am Haus eine Straße vorbeiführt und er diese benutzt hatte. Weitere Voraussetzungen, wieder grob herausgegriffen: der Bau der Straße,die Geburt des Passanten. Letztlich stellt sich heraus, dass alles mit allem zusammenhängt: Der Unfall wäre nicht ohne den Kauf des Blumentopfes und nicht ohne das Anziehen der Kleidung, ohne die der Passant nicht ins Freie gegangen wäre, und beides nicht ohne die Evolution und den Urknall herbeigeführt worden.

 

Diese universelle kausalistische Verflechtung spricht zunächst für einen strengen Determinismus allen Geschehens, der für Zufall nur in dem Sinn Raum lässt, als es sich dabei um wegen der Komplexität der Kausalzusammenhänge unvorhergesehene Ereignisse handelt.Diese Sicht wird jedoch dadurch widerlegt, dass sie wegen der prinzipiellen Voraussehbarkeit aller Ereignisse Eingriffe zu deren Vermeidung zulässt. Denn wenn ich weiß, dass mir morgen ein Blumentopf auf den Kopf fällt, werde ich Häuserfronten meiden und dadurch die Notwendigkeit allen Geschehensablaufes insoweit außer Kraft setzen.Dagegen kann nicht eingewendet werden, dass auch dieser willensgesteuerte Eingriff vorherbestimmt gewesen sei, denn er wäre dann wegen seiner prinzipiellen Voraussehbarkeit wiederum zur Disposition gestanden und so weiter. Ich hätte mich also – um beim Beispiel zu bleiben -durchaus nicht zu entschließen brauchen, dem Blumentopftreffer auszuweichen, sondern ihn, mit einem Schutzhelm versehen, gerade erwarten können. Strenger Determinismus führt sich also wegen der damit notwendig verbundenen prinzipiellen Voraussehbarkeit, die Eingriffe zulässt, ad absurdum.

 

Die Abfolge von Ursache und Wirkung entpuppt sich als nichts anderes als der zeitliche Ablauf eines Geschehens (vergleiche bereits oben).

 

Welchen Sinn sollte im übrigen eine vorausbestimmte Entwicklung, ja die Zeit überhaupt, haben? Warum ist das Ziel nicht einfach schon existent?

 

Bei der Vorstellung von Zufall als ursachenloser Wirkung dient dieZeit einer nicht (völlig) festgelegten und daher unendlichen Seinsvielfalt, wobei auch sie selbst mit dem Sein und dem Zufall zufällig aus dem Nichts mit seinen unendlichen Möglichkeiten entstanden ist.Da der Zufall dann aus dem Nichts im Sein „geschieht“,markiert er genau so wie Ursache und Wirkung die Zeit und kann genauso als bloßes zeitliches Folgeereignis angesehen werden.Er unterscheidet sich von der ursachenbestimmten Wirkung dann nur dadurch, dass er prinzipiell nur statistisch voraussehbar ist (vergleiche die Quantentheorie).Die Abgrenzung zwischen Notwendigkeit und Zufall verschwimmt daher: Kausalketten sind prinzipiell vorhersehbar, aber wegen ihrer Komplexität nur eingeschränkt, und wegen ihrer Steuerbarkeit nicht endgültig festgelegt; Zufälle sind wegen ihrer originären Natur prinzipiell unvorhersehbar, aber statistisch prognostizierbar und daher ebenfalls beeinflussbar.In beiden Fällen nimmt der menschliche Wille Einfluss,der eine Zwitterstellung einnimmt: vorausbestimmt durch die ihn bildenden neuralen Faktoren, originär aber wegen der dabei verbleibenden Unschärfen.

 

Die Frage, ob und inwieweit die Zukunft erschließbar ist, führt zur paradoxen Antwort, dass ein vorhersehbares Ereignis unvorhersehbar sein kann:

Dem Delinquenten wird eröffnet, dass er in der nächsten Woche an einem von ihm nicht vorhersehbaren Tag mittags hingerichtet wird.Demnach scheidet der Sonntag der nächsten Woche (letzter Wochentag) für die Hinrichtung aus, da sonst bereits am Samstag nachmittag vorhersehbar wäre, dass sie am letzten verbleibenden Tag stattfinden würde. Ebenso scheidet der Samstag aus, weil sonst am Freitagnachmittag voraussehbar wäre, dass, da auch der Sonntag ausscheidet, nur der Samstag verbliebe. Auch jeder andere Wochentag scheidet aus analogen Gründen aus. Und doch (und gerade deshalb) erfolgt die Exekution völlig überraschend an einem dieser theoretisch ausgeschiedenen Tage!

 

Die Zeit, als Kausalkette verstanden, verbietet Zeitreisen.Sonst könnte man in der Vergangenheit landen, ohne dort gewesen zu sein.Man könnte den eigenen Vater vor der eigenen Zeugung umbringen und doch gezeugt sein. Man könnte in der Zukunft ankommen, ohne dort sein zu werden. Man könnte dort eine Katastrophe erleben, die man,in die Gegenwart zurückgekehrt, durch vorbeugende Maßnahmen verhüten könnte.Während der Aufenthalte in der Zukunft oder in der Vergangenheit wäre man nicht in der Gegenwart, so dass man nach derZurückkehr in sie sich wegen der hinterlassenen Lebenszeitlücke nicht an die Weltzeitreisen erinnern könnte.

 

III Dass unser Denken strukturdeterminiert ist, so dass es sinnlos erscheint, über eine Wahrheit außerhalb desselben nachzudenken, ist in den Kognitionswissenschaften unbestritten und hat sich auch in den modernen Naturwissenschaften offenbart. Die vorstehend abgehandelten menschlichen Vorstellungskategorien beispielsweise sind zu streng, um insbesondere folgende Phänomene erfassen zu können:

 

Die beobachtungsunabhängige „verschwommene“ Existenz subatomarer Materieteilchen in der Quantenphysik ( Dualismus Welle-Korpuskel und die Heisenberg´schen Unschärferelationen ) zwingt uns zu einer komplementären Beschreibung mit den gegensätzlichen oder sich sonst einander ausschließenden Begriffen der Begriffspaare Ja-Nein,Sein-Nichtsein, Wahrheit-Unwahrheit, Raum-Zeit, Geist-Materie und Objekt-Subjekt.

Auch die virtuellen Teilchen aus dem Vakuum überbrücken den Gegensatz Sein-Nichtsein und heben ebenso wie der Quantensprung (in der Biologie die Genmutation), die abrupten Phasenübergänge in der Chaosforschung und die Synchronizität (EPR-Paradoxon;raum-und zeitunabhängige Fernwirkung nach einer Quantenverschränkung) die Trennung von (raumzeitlicher) Ursache und Wirkung auf. Die unvorstellbare creatio ex nihilo ist Realität.Da die individuelle Kausalität in der Quantenphysik einer bloß statistischen weicht und die in Furkationen verlaufende Entwicklung chaotischer Systeme die Prognose begrenzt (Prognosehorizont in der Chaoslehre), verliert der Gegensatz zwischen Zufall und Notwendigkeit seine Schärfe, auch in der Evolutionslehre der Biologie (Zusammenspiel von „zufälligen“ Mutationen und „notwendiger“ Selektion bei der Adaption).

Die rückbezügliche und selbstschöpferische dynamische Verwobenheit der Beziehungen und Einflüsse in und auf chaotische Systeme sowie die Empfindlichkeit solcher komplexer Strukturen gegenüber einer Veränderung ihrer Anfangsbedingungen („ Schmetterlingseffekt“) lassen eine scharfe Trennung zwischen Ganzem und Teil sowie eine strikte Unterscheidung zwischen Ordnung und Chaos nicht mehr zu. Auch das experimentell bestätigte EPR-Paradoxon in der Quantenphysik (Teleportationen) hat gezeigt, dass alles mit allem zusammenhängt (holistische statt reduktionistischer Betrachtungsweise).

Bereits durch die noch der klassischen Physik zuzuordnende Relativitätstheorie ist das Gefüge unserer Vorstellungen strapaziert worden, nämlich hinsichtlich Raum und Zeit (gegenseitige Abhängigkeit), „Geist“ und Materie (Umwandelbarkeit von Energie und Materie) und Objekt und Subjekt (Relativität der Erscheinungen).

 

 

 

 

B  Die Pilatusfrage („Was ist Wahrheit?“ Joh. 18.38 )

 

Abstract:

Eine Wahrheit kann es nicht geben. Denn sie müsste etwas Seiendes sein. Eine Wahrheit, die nicht „sein“ würde, wäre keine Wahrheit. Wenn die Wahrheit aber etwas Seiendes ist, dann kann sie nur im Sein und nicht für das Sein selbst gelten. Daher ist das Sein nicht wahr. Weil das Sein nicht wahr ist, kann auch alles Seiende nicht wahr sein, auch die Wahrheit nicht.

Außerdem müsste es eine letzte Wahrheit geben. Wodurch sollte sie aber dann verifiziert werden können? Es gäbe ja keine höhere Wahrheit mehr, durch die sie von der Unwahrheit unterschieden werden könnte. Sonst käme es zum unendlichen Progress.

Im übrigen: Was ist Wahrheit überhaupt? Man versuche eine Beschreibung! Sie ist unmöglich.

Schließlich: Was sollte an der Wahrheit wahr sein?


I Einleitend einige Zitate:

 

„Und kein Mensch erkannte die Wahrheit, und keiner wird sie erkennen “(Xenophanes)

 

„Die Wahrheit wird nicht von uns entdeckt, sondern erschaffen.“ (Saint – Exupéry )

 

„Die Welt ist eine Projektion des Gehirns, das wiederum Teil der Welt ist.“ (Paul K. Feyerabend)

 

„Das mathematische oder abstrakte Denken ist in gewissem Sinne eine einzige Tautologie (James B. Conant)

 

„Die Natur selbst ist immer nur unsere geistige Konstruktion.“(Quantenphysiker Anton Zeilinger)

 

„... die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat,dass sie welche sind.“

„Die Welt, soweit wir sie erkennen können, ist unsere eigene Nerventätigkeit – nichts mehr.“ (Friedrich Nietzsche)

 

„Daher sind alles nur leere Namen, was die Sterblichen (durch die Sprache) festgesetzt haben, in dem Glauben, es liege ihnen eine Wirklichkeit zugrunde.“ (Parmenides)

 

„Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen,wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.“ (Kleist)

 

„Wer sich im Besitz der Wahrheit wähnt, hat immer unrecht.“ (ArnoSchmidt)

 

„Der Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.“ (Albert Camus)

 

„Es gibt triviale Wahrheiten und große Wahrheiten. Das Gegenteil einer trivialen Wahrheit ist schlichtweg falsch. Das Gegenteil einer großen Wahrheit ist ebenfalls wahr.“ (Niels Bohr)

 

„Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass es kaum eine mörderischere, despotischere Idee gibt als den Wahn einer`wirklichen` Wirklichkeit (Paul Watzlawick )

 

„Es ist alles wahr, auch das Gegenteil.“ (Dostojewski)

 

„Von zwei denkbaren Auffassungen, die man zu jeglichem Problem haben kann, ist jede in gleicher Weise  wahr.“ (Protagoras)

 

„Im Großen gesehen, ist alles paradox“ (Immanuel Kant)

 

„Der Weg zur Wahrheit ist mit Paradoxien gezeichnet.“ (Oscar Wilde)

 

„Alles widerspricht sich.“ (Novalis)

 

„Der ganze Prozess des Lebens verdankt sich einer Verletzung unserer logischen Grundsätze.“ (William James)

 

„Wahn, nur Wahn, spricht der Prediger, Wahn, nur Wahn, alles ist Wahn...Wahn, nur Wahn, spricht der Prediger, alles ist Wahn!“.(Pred. 1,2; 12, 8 )

 

„Wahn der Wirklichkeit“ (Gottfried Benn)

 

„Ist doch dem Menschen in allem nichts anderes gegeben als Wahn.“( Xenophanes )

 

„Das was ist, kann nicht wahr sein.“ (Ernst Bloch, Philosophische Grundfragen I, Frankfurt 1961, Seite 65)

 

 

II Ob es eine bewusstseinsunabhängige Wirklichkeit gibt, und ob und inwieweit diese von unserem Bewusstsein erfasst werden kann, oder ob sich unser Bewusstsein eine solche Wirklichkeit lediglich vorstellt,ist völlig unerheblich, denn in beiden Fällen sind unsere Erkenntnisse die gleichen, weil sie immer Bewusstseinsinhalte sind.Daher ist das mit den Sinnen und dem Verstand erkannte objektivierbare Wissen.nicht höherwertig als der mit der Intuition,durch Kontemplation, durch Inspiration oder aufgrund Urvertrauens gewonnene Glaube an eine Transzendenz, zumal wir doch erfahren, dass uns unsere Sinne täuschen können, unsere Sinneseindrücke nicht objektivierbar sind, und unser Verstand (mangels Metaebene; Gödel) an unüberwindliche Grenzen des selbstbezüglichen Denkens stößt (Paradoxien der Logik und – in den modernen Naturwissenschaften –der Begrifflichkeit).

 

III  Wie sollen wir Wahrheiten finden, die wir nicht kennen und daher bei unserer Suche auch nicht erkennen können? Wenn wir sie aber bereits kennen, brauchen wir sie nicht mehr zu suchen.

 

IV  Wenn es eine letzte Wahrheit gibt, warum gibt es dann die Unwahrheiten, unter denen man sie suchen muss?

Wenn es eine erkennbare letzte Wahrheit gibt, warum müssen wir sie erst finden?

 

V  Was soll an einer Wahrheit denn wahr sein?

Nicht die Wahrheiten sind wahr, sondern, was dagegen spricht (vergleiche das negative Prinzip von Karl Popper)

 

VI  Die Wahrheit kann es nicht geben, denn sonst müsste es einen Grund dafür geben, dass sie nicht die Unwahrheit ist; dieser Grund müsste ebenfalls wahr sein und dafür wiederum ein Grund vorliegen,der wiederum wahr sein müsste usw.

 

VII  Quintessenz: Es gibt keine Wahrheit und auch das ist keine Wahrheit. Die aristotelische Logik vom ausgeschlossenen Dritten – es könne nur Wahrheit oder Unwahrheit geben – führt also zu Denkzirkeln und Iterationen. Die mehrwertige Logik der Quantenphysik erscheint unabdinglich!

Sie ist komplementär.

 

Dazu ein buddhistisches Gleichnis vom Elefanten und den Blinden:

 

"Ein König in Nordindien habe einmal alle blinden Bewohner der Stadt an einem Ort versammelt. Darauf ließ er den Versammelten einen Elefanten vorführen. Die einen ließ er den Kopf betasten. Er sagte dabei: „So ist ein Elefant.“ Andere durften das Ohr betasten oder den Stoßzahn, den Rüssel, den Rumpf,den Fuß, das Hinterteil, die Schwanzhaare. Darauf fragte der König die einzelnen: „Wie ist ein Elefant?“ Und je nachdem, welchenTeil sie betastet hatten, antworteten sie: „Er ist wie eingeflochtener Korb.... Er ist wie ein Topf.... Er ist wie eine Pflugstange.... Er ist wie ein Speicher...... Er ist wie ein Pfeiler..... Er ist wie ein Mörser..... Er ist wie ein Besen.“Daraufhin-so sagt das Gleichnis-kamen sie in Streit, und mit dem Ruf „Der Elefant ist so und so“ stürzten sie aufeinander und schlugen sich mit den Fäusten zum Ergötzen des Königs.“ (aus einem Vortrag des Papstes Benedikt XVI vom 27.11.1999 anlässlich eines Kolloquiums der Pariser Sorbonne)

 

Die Wahrheit ist demnach komplementär. Das entspricht dem Komplementaritätsprinzip in der Quantenphysik nach Nils Bohr.

 

 

VII Quintessenz: Es gibt keine Wahrheit und auch das ist keineWahrheit. Die aristotelische Logik vom ausgeschlossenen Dritten –es könne nur Wahrheit oder Unwahrheit geben – führt also zuDenkzirkeln und Iterationen. Die mehrwertige Logik der Quantenphysikerscheint unabdinglich!

 

VIII  Wahrheit ist zumindest ein Leerbegriff.

 

Denn was „ist“ unwahr? Kann denn etwas Seiendes („ist “) unwahr sein? Es ist wahr, dass es auch Unwahrheiten gibt. Wahrheit ist also auch das Nichtsein von Wahrheit. Auch, dass etwas unwahr ist, ist wahr.

Wahrheit ist die Gesamtheit dessen, was ist – also auch das Sein von Unwahrheit . Sie ist das - nicht mehr weiter verifizierbare - „Alles“, das Sein einschließlich des Nichtseins dessen, was nicht ist; eine Entität ohne Individualität, da sich das Alles von nichts mehr unterscheiden kann, auch nicht vom Nichts, weil es dieses nicht geben kann, ohne doch etwas zu sein und damit zum Sein zu gehören.

Es handelt sich um einen nicht verifizierbaren „All“-Begriff imSinne Karl Poppers.

Wahrheit ist darüber hinaus ein paradoxer Begriff, da sie durch nichts außerhalb von ihr verifiziert werden kann, ohne dass dieses die Wahrheit wäre. Wie aber soll sie sich selbst verifizieren? Durch Evidenz? Aber ist diese wahr?

Wahrheit ist streng von Wahrnehmung, die unsere Realität ausmacht, zu unterscheiden. Realität ist nie wahr ( siehe obiges Zitat von Ernst Bloch). Sie "ist" lediglich! Sonst wäre alles - einschließlich dessen, was nicht ist - wahr, da ja auch das Irreale und das Nichtsein geistige bez. ontologische Realität ist. 

 

 

IX Zusammenfassung:

 

Eine Wahrheit kann es nicht geben. Denn sie müsste etwas Seiendes sein. Eine Wahrheit, die nicht „sein“ würde, wäre keine Wahrheit. Wenn die Wahrheit aber etwas Seiendes ist, dann kann sie nur im Sein und nicht für das Sein selbst gelten. Daher ist das Sein nicht wahr. Weil das Sein nicht wahr ist, kann auch alles Seiende nicht wahr sein, auch die Wahrheit nicht.

Außerdem müsste es eine letzte Wahrheit geben. Wodurch sollte sie aber dann verifiziert werden können? Es gäbe ja keine höhere Wahrheit mehr, durch die sie von der Unwahrheit unterschieden werden könnte. Sonst käme es zum unendlichen Progress.

Im übrigen: Was ist Wahrheit überhaupt? Man versuche eine Beschreibung! Sie ist unmöglich.

Schließlich: Was sollte an der Wahrheit wahr sein?

 

 

 

C DieSinnfrage – Gedankensplitter


 

1) Welchen Sinn soll denn ein Sinn haben ( Und wenn er einen hätte: Warum hat er einen und gerade diesen? )

Schon vom Mond aus betrachtet erscheint alles Treiben auf der Erde absurd und überflüssig. Was würde sich denn ändern am Universum, wenn es uns nicht mehr gäbe? Welchen Sinn soll es haben, dass überhaupt etwas ist? Es kann keinen Sinn haben, denn Sinn setzt als etwas Seiendes das Sein bereits voraus und kann daher nicht auch für dieses gelten. Im übrigen setzt Sinn die Zeit voraus,da er sich in ihr verwirklichen muß. Zeit und Raum sind aber nach allen heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ( wie schon nach Kant ) lediglich Konsrukte des menschlichen Geistes.


Es gibt einen Sinnhorizont der alltäglichen Lebensbewältigung - z.B. arbeite ich, um für den Lebensunterhalt zu sorgen und sorge für ihn, um zu leben und lebe, um durch Fortpflanzung die Art zu erhalten und durch den Tod weiterzuentwickeln u.s.w. Aber welchen Sinn das alles haben soll -z.B. dass man lebt, sich zu diesem Zweck ernähren muss ,die Art fortentwickelt werden soll (warum ist nicht gleich, was erst werden soll?) - dafür gibt es keine Antworten!


 

2) Der Sinn des Lebens besteht biologisch allein darin, es zu erhalten und fortzupflanzen. So lebt das Tier allein für die Nahrungsaufnahme und die Arterhaltung.

Angenommen, das menschliche Leben habe einen höheren Sinn zu erfüllen. Dann stellen sich folgende Fragen:

Warum gerade diesen Sinn und keinen anderen?

Warum muss der Sinn erst erfüllt werden?

Welchen Sinn hat überhaupt ein Sinn?

Letztlich kann das Sein und damit auch das Leben keinen Sinn haben, da es Sinn als etwas Seiendes, ja Zeitgebundenes, erst im Sein geben kann und daher nicht – diesem gleichsam „vor“-gelagert –für das Sein selbst!


 

Man stelle sich die Erde, das Weltall, ohne Lebewesen vor: Hätte das Universum dann, wenn überhaupt, weniger Sinn?


 

Weshalb sollte Gott für seine Schöpfung einen Sinn benötigen?Unterliegt er denn selbst einem Sinn (was seiner Allmacht widerspräche)? Hat er einen Sinn erst geschaffen, also ohne Sinn,sinnlos eingeführt?

Ist dann für uns Menschen nicht die letztliche Unbegreiflichkeit unseres Lebens und des Seins beruhigender als die Trivialisierung der Schöpfung Gottes durch die Einengung auf einen letzten Sinn?

Wie arm ist doch eine Welt, die in einem Sinn aufgeht, gegenüber einer Welt, die unser Bewusstsein übersteigt! „Die Rätsel Gottes sind befriedigender als die Lösungen der Menschen.“( Gilbert K. Chesterton, 1874-1936). Wie kläglich wäre doch ein sinneifernder Gott!


 

Sollen die tiefen Leiden des Lebens, die durch die flüchtigen Freuden nicht aufgewogen werden können, Opfer für einen Sinn sein, dessen Erfüllung uns zynisch noch vorenthalten wird? Oder spendet ihre Unbegreiflichkeit den Trost, dass das Leben mehr ist, als wofür wir es halten?


 

3) „.... kann ich nicht sehen, was es bedeuten soll, wenn vom `Sinn des Lebens` gesprochen wird. Das Wort `Sinn` soll doch immer eine Verbindung herstellen zwischen dem, um dessen Sinn es sich handelt, und etwas anderem, etwa einer Absicht, einer Vorstellung, einem Plan. Aber das Leben – damit ist hier doch das Ganze gemeint, auch die Welt, die wir erleben, und da gibt es ja gar nichts anderes, mit dem wir es verbinden können.“

„...der Sinn des Lebens besteht darin, dass es keinen Sinn hat,  zu sagen, dass das Leben keinen Sinn hat. So bodenlos ist eben dieses ganze Streben nach Erkenntnis.“

(Niels Bohr)

 

„Wer nach dem Sinn des Lebens fragt, ist krank.“

(Sigmund Freud)  

 

„Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach.“

( Theodor W. Adorno)

 

„Im Großen gesehen, ist alles paradox.“

(Immanuel Kant)  

 

a) Wer an einen höheren Sinn des Lebens glaubt, muss sich folgende Fragen entgegenhalten lassen:

Warum muss sich ein Sinn erst (in derZeit) verwirklichen und ist nicht von vorneherein erfüllt?

Welchen Sinn hat die Sinnhaftigkeit, ja überhaupt das Sein, in dem es Sinn gibt?

Kann das Sein Sinn haben, obwohl Sinn das Sein bereits voraussetzt?

Wie kann Gott allmächtig sein, wenn er an einen Sinn gebunden ist?


 

b) Außerdem muss er sich die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften entgegenhalten lassen:

Der Zufall ist ein Grundelement des materiellen (Quantenphysik) und biologischen (Evolutionslehre) Seins.. Komplexe Entwicklungen verlaufen nur bis zu einem gewissen, objektiv unüberwindbaren Prognosehorizont kausal ( Chaosforschung). Wäre die Zukunft festgelegt, wäre die Zeit überflüssig, denn warum sollte sich erst etwas entwickeln, was bereits feststeht! Überhaupt sind unsere Vorstellungen lediglich Konstrukte unseres Bewusstseins, die in einer gedachten Außenwelt keine Entsprechung finden und in unseren Lebensbereichen lediglich der Orientierung dienen (Quantenphysik, Kognitionswissenschaften).


 

c) Schließlich sei an die alten Vorsokratiker erinnert, die mit ihren bekannten Paradoxien aufgezeigt haben, dass unser Denken selbstbezüglich ist und nicht über sich hinausweisen kann. Das hat in unserer heutigen Zeit Gödel speziellfür die Mathematik bewiesen.


 

Sinn ist ein paradoxer Begriff, denn warum soll er erst verwirklicht werden, und welchen Sinn hat seine Verwirklichung? Welchen Sinn also sollte Sinn haben?


 

4) Der Glaube an Sinn ist nicht nur sinnlos, sondern hauptverantwortlich für Unzufriedenheit und Leid der Menschen, die keinen Sinn finden oder von ihren Mitmenschen, die einen Sinn gefunden zu haben glauben, diesem unterworfen werden.

Sinn ist sinnlos, weil die Frage nach dem Sinn zur Iteration führt: Welchen Sinn soll denn ein Sinn haben? Sinn ist illusionär. Denn er setzt Zeit voraus, weil er bedeutet, dass etwas ist oder geschieht, um etwas zu verhindern, zu ermöglichen oder zu erreichen. „Zeit“ ist aber, wie schon Kant erkannt hat und die modernen Naturwissenschaften bewiesen haben, lediglich ein geistiges Konstrukt, also auch „Sinn“.

Sinn hat lediglich eine begrenzte Reichweite. Jenseits des Sinnhorizontes herrscht Kontingenz, was nicht als erkennbarer blinder Zufall, sondern als unsere Erkenntnisgrenzen überschreitende höhere Realität zu übersetzen ist. Den weitesten Sinnhorizont bildet das Sein. Dass etwas überhaupt ist und nicht nicht oder anders ist, hat nur einen selbstbezüglichen und damit keinen Sinn, nämlich den, dass es eben ist und nicht anders ist. Denn auch Sinn ist lediglich etwas Seiendes und Soseiendes, also Gegenstand des Seins, und setzt daher das Sein mit all dessen anderen Gegenständen voraus, kann also für das Sein als solches und dessen Ausgestaltung durch diese Gegenstände nicht gelten. Das Sein einschließlich seines Soseins kann nicht durch etwas anderes Seiendes – wie einen Sinn – bestimmt sein, da es alles Seiende umfasst und daher etwas außerhalb von ihm Seiendes, ihm Vorgelagertes und es Bestimmendes bereits begrifflich nicht zulässt.

Ein letzter Sinn hat keinen Sinn mehr , ist also sinnlos und daher überhaupt kein Sinn!


 

5) Sinnfreiheitaus christlicher Sicht

 

Esgibt nur einen Trost: die Sinnfreiheit des Seins. Diese unendliche Erhabenheit Gottes, nicht einfach über alles - wie bei einem letzten Sinn - sondern in allem. Diese „Unbedingtheit“, diese Losgelöstheit alles Seienden und Nichtseienden von allem, auch von sich selbst, die „Aufgehobenheit“ (im dreifachen Sinn:aufgelöst, hochgehoben, geborgen) in Gott, in dessen „absolute“ Liebe, auch im Leid!

Das Leiden und der Tod Jesu, die im Hinblick auf dessen Güte sinnlos erscheinen, finden in der Auferstehung nicht etwa einen Sinn, denn diese lässt sie ja als überflüssigen Umweg zum „ewigen Leben“ erscheinen.Vielmehr zeigt die Auferstehung die Sinnfreiheit des Leidens und des Todes, unsere Aufgehobenheit in der Erhabenheit Gottes. Er lässt uns nicht leiden und sterben, um uns erlösen zu können, sondern wir leiden und sterben in seiner Erhabenheit, wie alles Sein in unserem Bewusstsein ist.


 


 

     

 

 

 

 

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